Donnerstag, 4. Juni 2009

UTOPIE UND BRD

kürzlich fand in berlin die feierlichkeiten zum 60 jährigen jubiläum der bundesrepublik statt. hundertausende tummelten sich auf dem „bürgerfest“ zwischen brandenburger tor und siegessäule, während gleichzeitig an anderer stelle in berlin einige linke eine „anti-nationale parade“ abhielten. diese gegenveranstaltung unter dem motto: „staat. nation. kapital. scheisse - gegen die herrschaft der falschen freiheit“, blieb aber in der öffentlichen wahrnehmung dieses tages nahezu komplett ausgeblendet, was nicht nur der geringeren teilnehmerzahl geschuldet sein dürfte. vielmehr scheint der nationale konsens in der gesellschaft derart gefestigt, dass ein kritischer diskurs zum thema staat und nation eben in weiten teilen der bevölkerung nicht hoffen kann, auf offene ohren zu stossen. 

lieber beschränkt sich das bürgerliche lager darauf, sich selbst zu beweihräuchern. und die lobeshymnen auf die bundesrepublik dienen dabei dem zweck, sich in einer selbstreferentiellen endlos-schleife wieder und wieder der eigenen stärke und überlegenheit zu versichern. deutschland wird dabei zum mythos stilisiert, krampfhaft werden verbindungen zwischen antiken schlachten und der heutigen bundesrepublik gezogen, kunst und geschichte muss herhalten als identitätsstiftendes band zwischen vergangenheit und gegenwart, zwischen deutschtum und „den anderen.“ 

selbst die dunkelsten kapitel des deutschen faschismus werden umgedeutet und im sinne von: „wir haben draus gelernt...“ als beweis für die moralische überlegenheit und stärke ins feld geführt. 

schimmernd steht sie da, die vergangenheit der deutschen - und wie in der „wacht am rhein“ finden sich „deutsche, bieder, fromm und stark“ en masse zur verteidigung des heiligen vaterlandes (...welches trotz der o.g. überlegenheit und stärke ständig gefährdetet zu sein scheint). und mit diesem geballten widerstand hat jeder zu rechnen, der über den status quo hinaus will und die überwindung der nation anstrebt.

möglicherweise spielt hierbei aber ein gewisser hang zur nostalgie und zur romantisierung eines angeblich harmonischen ur- (deutschen) zustandes eine größere rolle, als tatsächliche überzeugung. den die bundesrepublik deutschland gilt keinesfalls als besonderer liebling des volkes. den einen ist sie zu wirtschaftliberal, den anderen zu ungerecht, mal gilt sie als zu bieder, zu konservativ oder bürgerlich, mal als ein kind der besatzungsmacht und damit un-deutsch, mal zu bescheiden, zu imperalistisch, zu kapitalistisch, zu teuer, zu marktregulierend, zu individualistisch, zu völkisch, faschistisch, förderal oder zentralistisch usw. komischerweise hört man an den stammtischen dieser republik viele stimmen, die davon reden, die gesellschaft zu verbessern. und die utopie einer herrschaftsfreien gesellschaft ist eine vision, mit der sich viele menschen anfreunden können. die meisten zweifeln nur an der realisierbarkeit dieser idee. 

und tatsächlich weisen die meisten linken konzepte in dieser hinsicht eine auffällige theoretische schwäche auf. dieses diffuse gefasel von revolution und umsturz ist oft wenig stichhaltig. ich kann an einem bloßen umsturz der herrschenden machtverhältnisse per se noch nichts emanzipatorisches ausmachen. im gegenteil, der gesunde menschenverstand und auch bespiele aus der menschheitsgeschichte zeigen uns immer wieder, dass revolutionen meist nur eine veränderung der machtverhältnisse - nicht aber die beseitigung von machtverhältnissen nach sich ziehen. und teilweise haben diese veränderungen von herrschaft nicht zu einer freieren gesellschaft, sondern zu höchst reaktionären staatsgebilden geführt. 

politische ideen, die auf eine radikale veränderung des ist-zustands setzen, sollten diese gefahren im auge behalten. es gilt, politische utopien auf ihre realisierbarkeit hin zu durchleuchten und kriterien zu benennen, an denen eine tatsächliche verbesserung der lebensverhältnisse abzulesen sein soll. und natürlich müssen auch die schritte hin zu einer veränderten gesellschaft genau strukturiert und theoretisch durchleuchtet werden, auch in hinblick auf die möglichen risiken. 

ansonsten besteht die gefahr, hinter das zurückzufallen, was in der bundesrepublik real erreicht wurde. nämlich eine eindeutige verbesserung der lebensverhältnisse von vielen menschen bei gleichzeitiger garantie eines hohen maßes an individueller freiheit (auch wenn die grundvoraussetzung hierfür natürlich durch den sieg der alliierten über die faschisten war). 

es gilt, die fortentwicklung der menschlichen gesellschaft als einen quasi- evolutionären prozess der ständigen emanzipation zu begreifen. die bundesrepublik ist hier sicherlich nicht das ende der kette, aber eben auch nicht der anfang.

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