Freitag, 18. Dezember 2009

herr hopp und der regressive antikapitalismus

das fussballstadion - ein ort der emotionen. hier sieht man harte kerle weinen, fiebern, toben. eben noch unter fremden, findet der fan sich plötzlich in den armen seines nachbarn wieder, vereint im freudentaumel mit den massen, gemeinsam auch verbunden im hass auf gegner oder der wut enttäuschter hoffnung.

die vereine sind (zumindest am wochenende) die soziale heimat ganzer regionen; ein wichtiger wirtschaftsfaktor und natürlich auch ein ort politischer auseinandersetzungen. fussball ist längst mehr als ein spiel - es ist ein sinnbild und abbild der bestehenden gesellschaftlichen verhältnisse: ein wettbewerb, der seine legitimation aus der vergangenheit zieht, kraft und aufmerksamkeit auf den aktuellen (spiel-) tag richtet und doch gleichzeitig wie ein heilsversprechen immer wieder in die zukunft weist und mit ewig gleichen hoffnungen lockt. anachronistisch beten die anhänger, die trainer, die kommentatoren das ewig gleiche lied von leistung, kampf und „deutschen“ tugenden, als wüssten sie nicht längst, dass es am ende nicht der charakter ist, der die meisterschaft entscheidet, sondern die bilanzen der vereinskassen.

trotzdem war das geschrei der etablierten kräfte groß, als in der saison 2008/2009 ein bis dato unbekannter provinz-verein die erste liga stürmte und dort, ausgestattet mit dem geld ihres gönners dittmar hopp, für furore sorgte und am ende der hinrunde sogar die tabelle anführte. seitdem kommt es immer wieder, wie zuletzt im vorfeld und verlauf des spieles der tsg hoffenheim gegen borussia dortmund, zu verbalen entgleisungen von vereins- verantwortlichen, zu schmähgesängen und beschimpfungen bis hin zu morddrohungen durch die fans und der bereitwilligen und teilweise doppelzüngigen aufbereitung in den medien.

dem gewillten beobachter bietet sich hier (einmal mehr) die gelegenheit, die hässliche fratze eines regressiven antikapitalismus zu beobachten. wieder einmal wird deutlich, wie leicht die stimmung vormals als unpolitisch geltender massen kippen kann, angesichts einer vermeintlichen bedrohung durch einen (scheinbar) übermächtigen gegner. jedoch führt auch hier, wie so oft, der offensichtlich gewordene zusammenhang von finanziellen möglichkeiten und sportlichen erfolgen nicht zu einer neubewertung der gesamtsituation (nämlich der chancen-un-gleichheit in den ausgangsbedingungen) sondern zu den paranoiden gedankengängen einer imaginierten verschwörungtheorie - an deren spitze der kapitalist hopp mit „seiner“ tsg hoffenheim den kampf gegen die angeblich heile gemeinschaft der „traditionellen“ vereine führt. unversehens findet man sich in der postmodernen inszenierung einer klassenkampf- posse wieder die herhalten muss als kulisse für den kampf gegen das personifizierte böse. die angeblich antikapitalistische haltung dient dabei dem zweck, wut und enttäuschung über nicht eingelöste versprechen der kapitalistischen gesellschaft zu kanalisieren. durch die unterstellung von unmoral, schmarotzertum und entfesseltem egoismus wird nicht nur das eigene scheitern erklärt und entschuldigt, sondern auch versucht, die eigene motivation und haltung qua negation aufzuwerten.

deswegen muss jeder versuch scheitern, an die vernunft der hoffenheim- „kritiker“ zu appellieren oder herrn hopp durch hervorhebung seines sozialen engagements und seiner (sicherlich vorhandenen) menschlichen qualitäten aus der schusslinie zu bringen. diese menschen wollen die vernichtung des mit herrn hopp identifizierten und durch ihn personifizierten systems - und dies bedeutet in der kruden konsequenz des regressiven antikapitalismus nicht mehr und nicht weniger als die eleminierung von herrn hopp selbst.