Dienstag, 9. Dezember 2008

Islamistischer Antisemitismus

In den letzten Jahren haben wir es mit einem Phänomen zu tun, dessen Existenz und Auswirkung zwar immer noch (insbesondere von den europäischen Linksintellektuellen) verharmlost oder gar verleugnet wird, welches aber eine reale Bedrohung für die gesamte aufgeklärte Welt darstellt und berechtigte Sorge vor einer neuerlichen Eskalationsstufe antisemitischer Vernichtungswut wecken muss. 

Es ist die Gefahr, die von dem sog. islamistischen Terror ausgeht, also von kleinen Gruppen muslimisch geprägter Menschen, die sich in mehr oder weniger autonom agierenden Kreisen organisieren und denen ein reaktionäres Menschen- und Weltbild als ideologische Klammer dient. So unterschiedlich die Strukturen und Herkunftsmilieus, die konkreten Beweggründe und die Aktionsformen auch sein mögen - gemein ist diesen Terrorgruppen, dass sie sich allesamt auf eine Art „Gegenaufklärung“ islamistischer Konnotation berufen. 

Immer wieder zu beobachten ist eine explizit antimoderne Haltung, ein regressiver Antikapitalismus, die Ablehnung von Andersgläubigen, Ungläubigen und Säkularisierung, die Verneinung von Individualismus, Subjektivismus und Privatsphäre, die Idealisierung aller möglicher Formen der Gemeinschaft, die Ersetzung der Gesetze der Logik durch die Gesetze des Glaubens, eine Ideologie der strikte Geschlechtertrennung und -Ungleichbehandlung, die Ablehnung allen Formen der Sexualität ausserhalb der heterosexuellen Ehe, das Propagieren eines anti- hedonistischen Lebensalltags im Sinne von ora et labora - d.h. die Forderung nach Verboten aller „sinnlichen“ Freuden und Materialismus, die Stilisierung einer als islamisch- arabisch bezeichneten Kultur bei gleichzeitig Ablehnung allen als westlich identifizierten Einflüssen, die Romantisierung eines angeblichen ursprünglichen Zustandes und die Ablehnung allen Progressiv- Emanzipatorischen. 

All diese Faktoren sind mehr oder weniger ausgeprägt und unterscheiden sich, bei aller gegenseitiger Bezugnahme der einzelnen Gruppierungen mal stärker, mal weniger stark. 

Aber es gibt ein ideologisches Element, das bei all diesen Gruppen erkennbar ist und vor allem auch immer wieder aus den konkreten Handlungsschritten und der „politischen“ Praxis des Terrors herauszulesen ist - es ist eben kein Zufall, dass immer wieder Menschen unter den Opfern sind, die entweder Juden sind oder anderweitig im Verdacht stehen, Juden- oder Israelfreundlich (oder auch nur neutral eingestellt) zu sein. 

Bei den jüngsten Terroranschlägen in Indien wurden z.B. nicht nur die Symbole der als „westlichen“ Dekadenz von den scheinbar aus Pakistan stammenden jungen Männern angegriffen (internationale Nobelhotels) sondern eben auch ein jüdisches Gemeindehaus. Diese Tatsache und der folgende Neunfachmord sind zeigen in ihrer völligen Iosgelöstheit von allen territorialen Konflikten, dass es  den Mördern bei dieser, mit dem normalen Menschenverstand nicht mehr zu verstehenden Tat, offensichtlich nur um eines ging, nämlich wahllos und willkürlich so viele Juden zu töten, wie möglich. In der „Judenfrage“ geht es den Islamistischen Terroristen nicht um politische Symbolik, nicht um territoriale Hegemonie oder kulturelle Identität, sondern nur um die pure Vernichtung von Juden. Dies ist Antisemitsmus par excellence - eine neue Qualität und Quantität des Judenhasses, der eingebettet ist in eine weitreichende Weltanschauung und immer wieder, auch in unserer Gesellschaft verharmlost - geleugnet und direkt oder indirekt unterstützt wird. 

In Deutschland hingegen findet man immer noch, sei es in den alten Medien, den modernen Diskussionsforen im Internet oder auf den wissenschaftlichen Fachtagungen (wie zuletzt an der FH Hannover) eine Haltung, die geprägt ist von der Angst, als Rassist zu gelten, wenn man öffentlich erklärt, dass Migranten in Deutschland eben nicht nur Opfern (des Systems) sondern auch Täter sein können. Diese Haltung kann ich mir nur aus einer (bewussten oder unbewussten) Idealisierung unterer sozialer Schichten, insbesondere bei den so-genannten Linken, erklären. Armut und soziale Randständigkeit wird romantisiert und pauschal als unverschuldet kategorisiert, ohne Kenntnis der wahren Lebensumstände und Persönlichkeit (in der Tat habe ich selbst die krasseste Form von Rassismus aus den Mündern von Menschen gehört, die selbst unter den Folgen von Ungleichbehandlung zu leiden haben...). Aber Menschen als arme Opfer abzustempeln kann auch eine Form sein, ihnen jegliche Würde abzusprechen und sie aus lauter Liebe und Mitgefühl quasi zu entmündigen. 

Es bringt niemanden etwas, offensichtliche Tatsachen kleinzureden oder "kaputt-zu-relativieren" aus Angst vor einer Marginalisierung von Minderheiten. In diesem Fall ist P.c. aber unangebracht und ausserdem überflüssig: Ausländerhass orientiert sich nicht Sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen. Aber die modernistischen Kräfte, auch innerhalb jener muslimisch geprägten Minderheit werden durch das Schweigen geschwächt. Und der Gegenaufklärung wird doppelt in die Karten gespielt.  


Donnerstag, 4. Dezember 2008

abgebrannt...


bin erstmal quasi obdachlos - gab nen kleinen brand bei uns... (adventskränze sollte man verbieten; brauch eh kein mensch!)


Dienstag, 2. Dezember 2008

Von wegen "Ende des Kapitalismus"

Seit dem Zusammenbrechen des amerikanischen Immobilienmarktes und der dadurch ausgelösten, weltweiten Finanzkrise steht plötzlich ein ganzes Wirtschaftssystem zur Disposition, welches sich noch vor Jahresfrist schier unbegrenzter Zustimmung erfreut hatte: der Kapitalismus. Allerorten wird in wechselnder Reihenfolge das Versagen, der Zusammenbruch, das Ende oder zumindest die Krise der Ideologie des „freien Marktes“ ausgerufen. Die Idee eines freien Spiels der Kräfte auf dem Weltmarkt zu propagieren,  trauen sich allerhöchstens noch eine Handvoll hartgesottene Liberale. 

Diese apokalyptische Stimmung aber trifft die Linken merkwürdigerweise scheinbar völlig unvorbereitet. Die Schwächung des Kapitals löst hier scheinbar sprachloses Entsetzen aus - anstatt zu reagieren, eigene Konzepte zu präsentieren, die Massen zur Revolution oder wenigstens einem kleinen Generalstreik zu mobilisieren verharrt die Linke in einer Art Schockstarre. Jetzt, wo eingetreten ist, was man sich so lange erträumt hatte, zeigt sich die nackte Angst vor dem Unbekannten, dem Unberechenbaren und man steckt lieber den Kopf in den Sand und wartet ab, ob dieser Kelch nicht doch irgendwie an uns vorbeigeht (oder wenigstens nur einige Kleinststaaten à la Island in den Ruin getrieben werden). 

Was im ersten Moment paradox anmutet, scheint auf den zweiten Blick schon logischer - die Krise des Kapitals zeigt erstens auf, dass die Linke keine brauchbaren Alternativen oder realistische Konzepte zu bieten hat, die man einer breiteren Masse vermitteln könnte, ja in Wirklichkeit hat man noch nicht einmal ein vernünftiges Analyse- Modell zur Hand, welches die aktuellen Vorgänge erklären könnte. Zweitens bricht mit der Schwäche des Kapitalismus zugleich das wichtigste Feindbild der Linken weg; die omnipotenten Bedrohung durch die Weltverschwörung der finsteren Mächte des Kapitals erscheint wenig furchteinflössend angesichts der zerknirschten Gesichter an den Börsen und den flennenden Managern und Bankiers, die sich bettelnd auf den Gang nach Canossa zu ihren jeweiligen Finanzministern machen oder sich gleich aus dem Fensterrahmen stürzen. 

Der tiefe Fall des alten Feindes reisst die Linken mit in den Abgrund. Wo man rege Betriebsamkeit erwartet hätte, herrscht Apathie; statt Freude oder Entsetzen entsetzen herrscht Sprach- und Teilnahmslosigkeit. Der oft beschworene Untergang scheint nahe wie lange nicht, aber die dazugehörige Untergangshysterie sucht man vergeblich. Die radikale Linke scheint ratlos. Die Krise des Kapitals kommt zur Unzeit - für Revolution ist man nicht in der richtigen Stimmung. 

Das Feld ist also mal wieder all jenen Selbstdarstellern überlassen, die es vorher schon nicht geschafft haben, diese Wirtschaftskrise auch nur zu erahnen. Jetzt kann man sich gegenseitig beschuldigen, die Politiker hauen ein bisschen auf die Manager ein (verbal, versteh sich) und die Manager hauen zurück oder schieben den schwarzen Peter weiter - auf andere Manager oder am liebsten auf die  Finanzinvestoren anderer Nationen. Der allerliebste Feind ist und bleibt aber das gierige„internationale Finanzjudentum.“ So stabilisiert sich das System einmal mehr selbst - und das ist angesichts des Mangels an echten Alternativen im Moment vielleicht auch nicht das Schlechteste...

 


Donnerstag, 20. November 2008

oskar negt tut niemandem weh

Neulich bot sich die Gelegenheit, an der Fachhochschule einen Vortrag von Oskar Negt zum Thema: Arbeit, Sinn und Menschenwürde (...so die Ankündigung) zu besuchen. Ich hatte ihn bis dato nie live erlebt, obwohl wir uns nur knapp verpasst haben dürften, als er noch einen Lehrstuhl an der Uni Hannover hatte (bevor der Studiengang Soziologie von der Landesregierung geschlossen wurde) und ich in meinem ersten Studium die Zeit zwischen Tutoriums-Getrinke und Erstiparty totzuschlagen versuchte. Oskar Negt war für mich einer jener Profs, von dem alle nur wissen, dass er irgendwie als Koryphäe gilt, ohne das jemand wirklich sagen kann, wieso und warum. (bei Wikipedia steht er sei ein Sprachrohr der 68 er gewesen, ausserdem weiß man vielleicht noch, dass er bei Adorno und Horkheimer studiert hat, später bei Habermas Assistent wurde...)

Das saß ich nun mal wieder unter all den - völlig desinteressierten - Studenten und Studentinnen (vermutlich wurden sie von dem geheimnisvollen, neuen Bachelor irgendwie zur Anwesenheit gezwungen und konterten ihrerseits nun mit geistiger Abwesenheit) und harrte der Dinge, die da kommen mochten. 


Globalisierung?, begann Oskar Negt seinen Vortrag, das sei ja etwas, was sich nur partiell vollzöge - globalisiert sei ja nur eine „Wirklichkeitsschicht“, nämlich die der Finanzen und Devisen. Herr Negt war kleiner, als ich gedacht hatte und wirkte freundlich und irgendwie sanft. Er führte aus: Je näher man jedoch den wirklichen Arbeits- und Lebensbedingungen komme, umso weniger könne von Globalisierung die Rede sein. Als Beispiel nannte Herr Negt hier Beschränkungen für den Warenverkehr (z.B. in Form von Schutzzöllen) und für die Arbeitskräfte (eingeschränkte Bewegungsfreiheit). 

Schon an dieser Stelle hatte ich die ersten Fragezeichen, schien mir diese Position doch bei näherem Hinsehen wenige schlüssig. Allein die Unterteilung in wirkliche und quasi nicht-wirkliche Realitäten erscheint mir fragwürdig. Sind den die Auswirkungen beispielsweise eines digitalen Geldtransfers nicht auch in der harten, tast- und zählbaren, materiellen Wirklichkeit spürbar? Ich gehe mit meiner Geldkarte ganz real einkaufen. Und wäre dann ein Geldschein etwa realer? Auch der Wert eines Brotes ist nicht wirklicher, nur weil ich das Brot essen kann. Und sind nicht viele Dinge Teil unserer gesellschaftlichen Realität, obwohl ich sie nicht tasten, schmecken, riechen, hören, sehen kann? z.B. Freundschaft, Liebe, Familie, Staaten, Organisationen, Hierarchien usw.   

Auch scheint mir nicht zu stimmen, dass lediglich die Finanz- und Devisenwelt globalisiert ist, große Teile der Wirtschaft, auch Kleine- und Mittelständige Unternehmen produzieren für den globalen Markt, auf dem Dienstleistungssektor sind neue Berufsfelder entstanden, die nur im und am Internet arbeiten. Manch soziale- oder politische Bewegung denkt und arbeitet global, die Wissenschaft steht in einem weltweiten Austausch, der sehr viel schneller ist als früher. Ja selbst Freundschaften, Partnerschaften u.ä. organisieren sich über die weltweiten Netzwerke und sind ein Teil moderner (von mir aus auch postmoderner oder globaler) Realität usw. Aber es kam alles noch viel schlimmer... 


Als nächstes behauptete Herr Negt, die Grundlage der aktuellen (Finanz-) Krise liege in der „Verselbständigung“ der Finanzmittel von den Produktionsmitteln, also letztlich der Entkoppelung von Warenproduzierendem und Warenhandelndem Markt. Diesen von ihm beobachteten Vorgang bezeichnete Herr Negt als „gefährlich.“ Was genau daran so gefährlich sei ließ Herr Negt leider offen, aber es schien mir eindeutig, dass hier die alte Gegenüberstellung vom „raffenden“ (schlecht!) und „schaffenden“ (toll!) Kapital bemüht werden sollte (was bei den anwesenden Professoren und Professorinnen im Saal scheinbar ganz gut ankam - eifriges Nicken signalisierte allgemeine Zustimmung). 

Die Gesellschaft sei nur noch ein Anhängsel des Marktes, befand Oskar Negt (ohne dabei zu bedenken, dass ein Markt ohne Menschen undenkbar wäre - umgekehrtes aber nicht. Genauso gut könnte man behaupten: die Menschen seien nur ein Anhängsel der Demokratie). 

An dieser Stelle konnte sich Herr Negt dann auch die obligatorisch gewordene „Managerschelte“ nicht verkneifen. Er wolle zwar niemanden diffamieren, behauptete er, tat dann aber doch genau das Gegenteil und konstatierte eine angebliche Gier und Maßlosigkeit im Verhalten der Manager, welche fern jeder Vernunft und Moral sei. Arbeitsplätze würden vernichtet um eine höhere Dividende „herauszuquetschen.“ Ausserdem würde zu wenige in die Produktion und zu viel in irreale Werte investiert. Im nächsten Atemzug konstatierte Herr Negt aber schon wieder eine angebliche Überproduktion, ohne auf diesen offensichtlichen Widerspruch in seiner Argumentation einzugehen.

Und dann zauberte er noch eine eigene Erklärung für das Weltgeschehen aus dem Hut und behauptete kurzerhand, wenn es schon keine Globalisierung gäbe und wahrscheinlich auch gar keine „echte“ Wirtschaftskrise (denn es sei ja kein Mangel an produzierten Gütern festzustellen), so befänden wir uns doch wenigstens in einer waschechten „kulturellen Erosionskrise“ (na, dass ist doch auch schon mal etwas...). Damit sei gemeint, dass wir uns in einer Zeit der Bindungslosigkeit, der Enttraditionalisierung und dem Verlust alter Loyalitäten (z.B. zu politischen Parteien) befänden - eine Zeit, in der alter Haltungen und Werte nicht mehr gälten, aber neue noch nicht in Sicht seien. 

Dieser Gedanke ist weder neu, noch besonders originell und letztlich auch als theoretisches Konstrukt unbrauchbar. Ich kann hier nichts weiter erkennen, als eine Kapitulation vor sozialen Prozessen, die offensichtlich nicht (mehr?) verstanden werden. Was soll denn das für eine Erklärung sein, einfach zu behaupten es gäbe keine einheitlichen Muster mehr in der Gesellschaft? So einfach darf man es sich dann doch nicht machen!

Weil die Zeiten so unsicher seien, sehnten sich die Leute nach einem „Führer“, der sagt was richtig und was falsch ist, behauptete Herr Negt im Folgenden (als hätte es alles dies nicht schon früher gegeben). Und dann kam noch das „Schreckgespenst“, das Beispiel USA als schlimmst-möglicher (Un-) Fall: Da könne man ja sehen, wie alles kommen kann, behauptete Herr Negt, ließ Schlagwort fallen wie „Gettoisierung“ und verwies auf Studien, nach denen 50 % der Kinder in Amerika nur bei einem Elternteil aufwüchsen. Auch die Flexibilisierung von Arbeitsplätzen sei zu kritisieren als eine „Selbsttäuschung des Systems“, weil sie nicht neue Arbeitsplätze schaffe, sondern nur vorhandene Arbeit stückele, meinte Herr Negt (und als Negativbeispiel musste hier wiederum herhalten - man errät es schon - die böse, böse USA).  

Aber all diese „Erkenntnisse“ und beobachteten Missstände mündeten bei Herrn Negt nicht etwa in eine allgemeine Kritik am Arbeitsbegriff oder gar am Kapitalismus insgesamt, sondern in der handzahmen Forderung, der Staat solle durch „Regulierung“ ein Gemeinwesen sicherstellen, dass durch die voranschreitende „Rationalisierung“ bedroht sei. Auch hätte Herr Negt gerne die von ihm beobachtete Spaltung der Gesellschaft in „Gewinner“, „Prekäre“ und „Überflüssige“ abgeschafft (wer, wie und warum erschien ihm offensichtlich nicht erklärungswürdig...). 

Das einzig konkretere, was Oskar Negt vorzuschlagen hatte, war die (immer noch recht schwammige) Idee, durch Bildung eine „Autonomie- Fähigkeit“ des Individuums zu fördern. 

Abgesehen davon, dass er nicht wirklich erklärte, was eine solche Autonomie- Fähigkeit beinhalten, noch wie sie die handfesten Alltagsprobleme der Menschen lösen sollte, blieb gänzlich unerwähnte, wie dadurch eine Spaltung der Gesellschaft überwunden werden könnte. Wenn Bildung das entscheidende Kriterium zur „Autonomie- Fähigkeit“ sein soll, liegt es doch auf der Hand, dass durch entsprechende Konzept die unteren sozialen Schichten stark benachteiligt wären. Denn gerade sie haben ja oft nicht die entsprechenden finanziellen und zeitlichen Kapazitäten Bildungsangebote wahrzunehmen - ihre Lage zeichnet sich ja gerade durch das Nicht- Vorhandensein von sozialen Ressourcen, aber auch emotional- psychische, kognitive, teilweise auch physische Belastbarkeit aus, die hierfür vonnöten wäre. Nicht ohne Grund sind die existierenden Bildungsangebote in der großen Mehrzahl mittelschichts-orientiert. Herr Negt scheint diesen Umstand völlig zu verkennen. Stattdessen offenbart er ein fast schon naives Welt- und Menschenbild, wie man es aber eben zuweilen im sozialdemokratischen Umfeld beobachten kann. Und vielleicht ist gerade das der Grund für die Beliebtheit des Oskar Negt: seine Thesen verteidigen grundbürgerlichen Vorstellungen, seine Forderungen lassen sich noch in das beschränkteste Weltbild eine jeden „ehrlichen“ Arbeiters und Gewerkschaftlers integrieren und seine Theorien tun im wesentlichen eines: niemandem weh. 


Montag, 10. November 2008

...aktivierung träger massen! wahlkampf auf (anti-) amerikanisch

In den letzten Tagen werde ich vermehrt von allen möglichen Bekannten auf die Präsidenten- Wahl in den Vereinigten Staaten angesprochen. Ob ich mich denn nicht auch freuen würde über den neuen Präsidenten?, werde ich gefragt (wobei sich kaum einer die Zeit nimmt, eine Antwort abzuwarten). Euphorisch versucht man, mir eine angeblich „historische Bedeutung“ zu vermitteln und zeigt sich entsetzt, ja geradezu beleidigt, wenn mich all dies kalt lässt.


Schon der Wahlkampf war eine Offenbarung: eine Art Daily Soap des Politikbetriebs. Eine Aneinanderreihung von Nichtigkeiten, stets aufs Neue Aufbereitet von den Medien aus aller Welt - selbst das kostenlose, wöchentlich- erscheinende Anzeigenblättchen ließ sich hinreissen zu immer neuen „Analysen“ und das „Fahrgastfernsehen“ in der Straßenbahn brauchte neue Umfrageergebnisse quasi im Live- Ticker. Und auch die Tagespresse überbot sich mit Peinlichkeiten, wie etwa die SZ mit einem Extra- Logo mit amerikanischen Farben und „Wahl 2008“ (andere Wahlen stehen 2008 scheinbar nicht an...) über jedem Artikel. Bereits der Vorwahlkampf der Demokraten hatte schon genug Stoff geboten, um mit erstaunlicher Regelmäßigkeit immer wieder neue Sensationsmeldungen zu produzieren. Wer will kann hier bestimmt mit Recht von einer „Boulevardisierung“ des politischen (Wahlkampf-) Geschehens sprechen. 

In einer Presse, die sich tagtäglich mit neuen Meldungen überschlägt - die stündlich neue Gewissheiten verbreitet (die am nächsten Tag schon obsolet sind) und selbst aus der Krankheit der Oma und ähnlich unwichtigen Details ihre Titelstories strickt, muss man sich nicht weiter darüber wundern, dass Inhalte (zumal politische) zur Nebensache werden. So ist das nun mal in den modernen demokratischen Staaten - Wahlkämpfe gewinnt man eben (auch?) durch Bilder und nicht so sehr durch Sachthemen. Aber die reine Quantität und die Einseitigkeit der Darstellung in den deutschen Medien, weisen doch auf etwas hin, was sich auch an den Stammtischen dieser Republik beobachten lässt und welches auch der Grund dafür zu sein scheint, dass mich auf einmal Menschen in meiner Umgebung, die ich vorher für relativ unpolitisch hielt, in Gespräche über die amerikanische Politik verwickeln. Der amerikanische Wahlkampf führte unzweifelhaft zu einer Elektrisierung vormals politisch apathischer Bevölkerungsgruppen. 


In den Medien der bürgerlichen Presse wird dieses Phänomen scheinbar (teilweise) auch beobachtet - aber wenn am Brandenburger Tor knapp eine Millionen Menschen einem Präsidentschaftskandidaten ein Forum bieten, lässt sich das ja auch schlecht übersehen. 

In üblicher Manier versuchten und versuchen die Medien dies an der Person von Obama festzumachen, was nicht anders zu erwarten war - mal wieder sind die Medien in ihre eigene Falle getappt: die Personalisierung von politischen Kontexten (mit dem Ziel der Reduzierung komplexer Sachverhalte). 

Was in Presse und Fernsehen geflissentlich übersehen wird, ist die eigene Rolle in diesem modernen Polit- Märchen. Wenn z.B. der Spiegel titelt: „Obama - Verführer oder Erlöser?“, sagt dies nichts aus über die Person Obamas - aber sehr viel über die Autoren des Spiegels. 

Getreu dem Motto, dass letztlich jedes Interesse an Politik und politischen Inhalten einem lokalen „Zweck“ dient, muss man sich die Frage nach der gesellschaftlichen Matrix stellen, vor deren Hintergrund die Beschäftigung und das (vorgeschobene) Interesse am amerikanischen Wahlkampf überhaupt erst einen Sinn macht. 

Bei einer solchen Analyse kann man nicht übersehen, dass es ein real existierendes Phänomen in Europa gibt, welches man stark vereinfachend als Anti- Amerikanismus bezeichnen kann; eine ablehnende Haltung gegenüber dem einstiegen „Befreier“, die Züge eines Ressentiments hat. Dieses dichte Geflecht aus Vorurteilen und theoretischen Annahmen hat den Vorteil, dass es eine Erwartungshaltung hervorruft, die immer wieder eine scheinbare Erfüllung erfährt, selbst wenn die tatsächliche Entwicklung in die gegenläufige Richtung geht - ja, hierin liegt gerade die Genialität des Anti- Amerikanismus, nämlich dass man den Amerikanern immer alles vorwerfen kann, auch das Gegenteil! 

Dies ist eine Haltung, die sich immer wieder in den Medien belegen und finden lässt - und zwar auch und vor allem, in der so-genannten „seriösen“ Presse. Bricht irgendwo auf der Welt ein Konflikt aus - haben die Amerikaner immer eine Teilschuld, weil sie nicht oder nicht rechtzeitig eingegriffen haben, bzw. falsch, oder überhaupt eingegriffen haben. 

Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte der Antiamerikanismus in den letzten Jahren zweifellos während der Amtszeit von G.W. Bush - wobei es eine stark verkürzte Kritik wäre, dies dem Republikaner persönlich anzukreiden. 

Weil die Europäer sich aber für kultivierter und moralisch Integer halten (schließlich hat man ja aus der Geschichte gelernt...), die realen Machtverhältnisse aber anders liegen, versucht man durch allerlei Mäkelei, Kritisieren und Belächeln von kulturellen Eigenarten die eigene Position aufzuwerten. Das Amerikaner eigennützig, oberflächlich, schlecht ernährt, ungebildet, „geschichtslos“, unkultiviert, gewaltverherrlichend usw. sind, weiß in Europa jedes Kind. Und trotzdem reagiert man gereizt, trotzig und beleidigt auf die andauernde Kränkung durch die Amerikaner, die den hohen (eigenen und fremden) Ansprüchen niemals ganz gerecht werden können. 

Mit Obama sehen die Europäer jetzt scheinbar die Möglichkeit, ihr krudes Weltbild wieder ein Stückweit gerade zu rücken. Die angebliche „imperiale“ Bedrohung durch G.W. Bush konnte abgewendet werden, die Amerikaner sind wieder zur „Vernunft“ gekommen und treten vielleicht demnächst der EU bei (nach Verbot der Todesstrafe, der Restriktion von Waffenbesitzrecht und der Legalisierung des Alkoholkonsums von Minderjährigen). Den jetzt wird alles anders - schließlich steht ja jetzt ein „Schwarzer“ an der Spitze des Staates (merkwürdig, dass man scheinbar allen ernstes glaubt, dass Thema Rassismus sei damit automatisch at acta zu legen). 

Und noch ein weiteres Phänomen scheint die aufgeregten Debatten in Europa zu fördern - nämlich die weites gehende Einigkeit in den wesentlichen Punkten (so wird eigentlich einhellig Obama als der bessere Kandidat eingestuft, obwohl man praktisch nichts über ihn weiß). Dies ist aber nur scheinbar ein Widerspruch. Der amerikanische Wahlkampf eignet sich gerade deshalb so gut als Thema für Tagesschau, Kneipe, Mittagspause und Journale, weil in Wirklichkeit ein absolut konfliktfreier Konsens besteht. Insofern ist die ganze „Berichterstattung“ verlogen, weil nie um das Für oder Wider von Präsidentenbewerbern ging, sondern darum, sich in der Einigkeit einer breiten „Volksfront“ zu suhlen - ein sich beständig selbst bestätigender Prozess der immer-gleichen Fragen mit den schon vorher bekannten Antworten. Hier wird eine Wirklichkeit erzeugt, die sinnstiftend wirkt und sich beständig selbst reproduziert. Jeder darf hier eine Meinung haben und etwas sagen, denn eigentlich geht es um nichts. Weshalb man auch niemandem weh tun kann. Ähnliches kennen wir z.b. aus den sich zyklisch wiederholenden, sinnentleerten Debatten zur Nationalen Identität...


Ich bin schon gespannt, was meine Bekannten zum tagespolitischen Geschäft zu sagen haben, wenn Obama in der Wirklichkeit zwischen Finanzkrise und Irakkrieg angekommen ist - obwohl ich es mir schon denken kann: vermutlich werden meine Bekannten schnell wieder in den politischen Winterschlaf zurückfallen, der sie vorher ausgezeichnet hat.  

Donnerstag, 30. Oktober 2008

neue schuhe

nun ja, jetzt habe ich doch noch was gefunden, nach wochenlanger suche...
die frage ist nur, nehme ich rote oder weiße schnürbänder???















Dienstag, 28. Oktober 2008

bush geht - antiamerikaner bleiben!

"der ruinator" titelt die aktuelle stern- ausgabe auf ihrem cover, dazu das konterfei des (noch) präsidenten der vereinigten staaten von amerika mit infantil- verschämten gesichtsausdruck. der spiegel lässt sich auch nicht lumpen: aus der zeitungsauslage prangt mir eine collage entgegen, die bush, cheney und rice in kampfanzügen und superman- kostümen zeigen. sie sehen reichlich mitgenommen, müde und abgekämpft aus, folgerichtig kann man darunter lesen: "Die Bush Krieger - Ende der Vorstellung." 
mit viel häme und spott feiert europa das ende der amtszeit des wohl weltweit am meisten verachteten politikers der jüngeren zeit - als würde es keine ahmadinedschads, kim jong ills usw. geben, die diese verachtung besser verdient hätten...
woher kommt eigentlich dieser hass? wieso haben die europäer in bush die ideale projektionsfläche all ihrer antiamerikanischen ressentiments gefunden? 
es scheint als würden sich in der person des scheidenden präsidenten all die negativen klischees einer als "amerikanisch" und "oberflächlich"identifizierten kultur mit der furcht vor der angeblichen, "imperialistischen" bedrohung für den weltfrieden (...als hätte die welt jemals als gesamtheit einen zustand des friedens gekannt...) vereinen. 
schamlos zeigen die selbsternannten retter der kultur von arte direkt im vorfeld des us- wahlkampfs filmchen, in denen der präsident als lächerlich, dumm und unfähig dargestellt wird und spiegel online weiss, dass sich "die politikwissenschaftler" darüber "weitesgehend einig" seien, dass bush "die position des schlechtesten präsidenten der us- historie einnehmen wird."
in ungewöhnlicher einigkeit machen medien, öffentlichkeit und stammtisch seit jahren front gegen den präsidenten, der abwechselnd als amoklaufender soziopath, dann wieder als blosse marionette dubioser hintermänner, als bemitleidenswerter irrer, wankelmütiger schwächling oder religiöser fanatiker, als geld- oder machtgierig dargestellt wurde. mal war er der böse hardliner, der sich ohne skrupel und moral über die ach-so-integere u.n. hinwegsetzte, und von dem man erwarten musste, dass er praktisch in jedem moment über ein anderes unschuldiges und wehrloses land herfallen könnte. Dieser Bush, von dem man mit zitternder stimme warnte, weil er mit seinem paranoiden sicherheitsbedürfnis die gesamte us bevölkerung quasi in geiselhaft genommen hatte und dessen ziel es nur sein konnte, die menschenrechte endgültig abzuschaffen - um möglichst viele rechtschaffende menschen zu foltern und in irgendwelche lager zu stecken, oder zumindest ein paar harmlose despoten hinterhältig zu erledigen, - auf jeden fall aber allen möglichen völkern ihre kulturelle identität zu stehlen (was immer das sein mag - vielleicht so glorreiche errungenschaften wie die gesetze der sharia?). 
zum glück ist dieses unglück nun von uns genommen, denn entgegen jeder verschwörungs-logik ist der präsident den gesetzen seines landes folgend nicht mehr zur wiederwahl angetreten. und all die, die sich ein heimliches, selbstgefälliges schmunzeln bei jeder neuen opfermeldung aus dem irak nicht verkneifen konnten, lehnen sich zufrieden zurück. ein letztes mal heben sie belehrend zeigefinger und stimme um die aktuelle finanzkrise zu kommentieren: "seht ihr - wir haben es doch schon immer gewußt!" 
sich selbst beweihräuchernd kann nun von großen tagen geträumt werden, in denen die vormachtstellung der amerikaner in der welt gebrochen sein wird, in denen alles besser sein wird und ganz anders. diese selbsterkorenen widerstandskämpfer können sich nun gegenseitig auf die schultern klopfen, denn auch sie haben ja ein stückweit "bush verhindert." 


Montag, 27. Oktober 2008

jetzt also auch ich

herzlich willkommen zum ersten post auf diesem blog!